List-Berufsschule unter neuer Leitung

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Jun

Foto: Guido Schiek

Was ihn am meisten beglückt? „Wenn ich merke, dass ich einem Schüler vielleicht ein klein wenig weitergeholfen habe“, sagt Schulleiter Norbert Leist. Massig Chancen hat er seit Dienstag – seinem ersten Tag an der Friedrich-List-Schule mit ihren 2300 Schülern.

Dass man auch mit einem Zick-Zack-Kurs ans Ziel kommt, das kann der neue Direktor seinen Berufsschülern glaubhaft vermitteln. An seinem ersten Schultag erzählt Norbert Leist entspannt in seinem großzügigen, lichten Büro im Erdgeschoss der Friedrich-List-Schule von dem Weg, der ihn hierher geführt hat: vom Hauptschüler im osthessischen Örtchen Friedlos übers Darmstädter Abendgymnasium bis zum Referenten am Hessischen Kultusministerium – und nun, mit Mitte 50, auf den Direktorenstuhl im Berufsschulzentrum Nord. Da dürfte mancher Schüler staunen.

Eine gute Hintergrund-Story für einen Mann, der auf die Frage, was ihm am meisten Spaß bei seiner Arbeit macht, bescheiden sagt: „Wenn ich merke, dass ich einem Schüler vielleicht ein klein wenig weitergeholfen habe auf seinem Weg ins Berufsleben“. Da hat er seit Dienstag einiges vor.

Rund 2300 Schüler sind an der Friedrich-List-Schule derzeit unterwegs in Richtung Erwerbsleben. Wollen Automobilkaufmann, Büromanager oder Einzelhändler werden, oder auch nur erst mal den Hauptschulabschluss machen, dann mal weitersehen. Da ist es notwendig, „dass wir sehr genau auf die individuelle Privat- und Berufsbiografie eingehen“, sagt Leist. Und dann auf den weitverzweigten Markt der Jobmöglichkeiten schauen. Orientierung zu finden, das sei heute sehr viel schwieriger geworden als in den Siebzigern, als er selbst die ersten Schritte auf seinem windungsreichen Weg machte.

Eigentlich wollte Norbert Leist, Jahrgang 1961, ja Elektriker werden. Aber beim Einstieg in den Traumberuf klemmte es. Alternativen waren rar: „Damals war die Lehrstellenlage im Zonenrandgebiet prekär, also nahm ich das an, was sich mir bot“, sagt Leist. Das war weit weg vom Berufswunsch. Erst mal machte er auf der Berufsfachschule die Mittlere Reife nach, dann lernte er in Fulda Finanzbeamter, mittlerer Dienst. 1979 fand er sich auf dem Finanzamt in Darmstadt wieder. Und stellte fest: „Das kann es nicht gewesen sein, ich wollte mich weiterentwickeln“ – Abi machen, studieren. Das Abendgymnasium amWoog bot ihm dafür die Chance. Dreieinhalb Jahre lang hielt er die Doppelbelastung durch. Dann kam es noch heftiger. Er studierte Wirtschaftspädagogik in Mainz und Frankfurt, jobbte gleichzeitig in einem Steuerbüro, pendelte zwischen Wohnung und Hörsaal und gründete seine Familie – derweil seine Frau ebenfalls studierte. Zwei Kinder zogen sie neben dem Lernen und Geldverdienen auch noch groß. Das Ziel immer fest im Blick.

Vielleicht formte Leist in dieser Zeit sein Credo: „Der Berufsstart ist für mich der eigentliche Einstieg ins gesellschaftliche Leben.“ Klingt wie eine Selbstverständlichkeit. Ist es aber heute nicht, sagt Leist – nicht mehr für alle.

Manche der jungen Menschen, die er und seine 95 Kollegen an der Friedrich-List-Schule heute unterrichten, streben Selbstständigkeit und Unabhängigkeit durchs Geldverdienen nicht unbedingt an. Jedenfalls nicht so schnell. Sie genießen die Sicherheit im Elternhaus, das alles bietet. Und schieben den Start in eine zunehmend unübersichtliche Berufswelt lieber noch ein wenig hinaus. Was soll man den jungen Leuten auch raten? Einzelhändler werden, wo die Kundschaft ihre Schuhe, Schränke und Waschmaschinen doch zunehmend im Internet bestellen? Aber ja, sagt Leist. Der Stellenmarkt in der Region gebe das durchaus her.

Mit Laptops und Tablets fürs digitale Leben lernen

Nur müsse man die jungen Leute halt auch fit machen im Onlinehandel. Nicht unbedingt in speziellen Ausbildungsgängen wie „E-Commerce“, wie sie derzeit in Hessen erprobt werden. „Wir müssen IT-Kenntnisse als Querschnittsaufgabe in die Duale Ausbildung einbauen“, sagt der Schulleiter. Mit Tablets und Laptops lernen die Listschüler ja heute schon, können die Lernplattform auch von zuhause aus nutzen. „Immer kleinteiligere Ausbildungsgänge halte ich nicht für zeitgemäß“, sagt Leist. „Wir brauchen mehr junge Leute mit Schlüsselqualifikationen“. Der versierte Umgang mit digitalen Medien gehöre unbedingt dazu.

Daher freue er sich auch auf die geplante Erneuerung der drei Berufsschulen im Bürgerpark, „wenn dann auch eine zeitgemäße IT-Infrastruktur für alle aufgesetzt wird“. Auch, wenn er sein schönes neues Büro dann schon wieder räumen muss. Wo seine 95 Kollegen und 2300 Schüler während des Umbaus fürs Berufsleben lehren und lernen werden? Nun, am ersten Schultag kann ein Direktor noch nicht alles wissen.

Von Thomas Wolff
Quelle: Darmstädter Echo, 19.04.2017