Erasmus+-Tag 2017 Mache das Ausland zur Heimat

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Mrz

In Darmstadt informierten sich Schüler aus ganz Hessen über geförderte Auslands-Praktika

Magdalena Kretek arbeitete ein halbes Jahr als Erasmus-Stipendiatin in einer Beratungsfirma in San Sebastian

DARMSTADT – Europamüde? Ist ein Fremdwort für die jungen Leute, die sich an diesem trüben Mittwoch im Saal der Friedrich-List-Schule drängen. Rund 180 Berufsschüler aus Kassel, Büdingen, Bensheim, Darmstadt, die sich über das „Erasmus plus“-Förderprogramm der EU schlau machen wollen – das könnte sie für ein halbes Jahr ins europäische Ausland bringen. Die Vorfreude im Saal ist spürbar: Berichte von frisch heimgekehrten Spanienfahrern locken, Fotos von trubeligen Altstadtgassen in Toulouse, Dublin, Südengland. Dabei wird die Schüler vor allem eins erwarten: viel Arbeit.

Gerade vor drei Tagen ist Magdalena Kretek, 23, aus San Sebastián nach Südhessen zurückgekehrt. Beschwingt und lächelnd erzählt sie von ihrem ersten Auslandspraktikum, das sich direkt an die Ausbildung zur Industriekauffrau anschloss. In einer Beratungsfirma sollte sie helfen, internationale Kontakte zu knüpfen. Eine ganz hübsche Verantwortung für jemanden, der gerade die Berufsschule absolviert hat. Kretek sah es als dicke Chance: „Ich musste sehr selbständig arbeiten, meine Fremdsprachenkenntnisse haben sehr geholfen – jemand, der auch Deutsch kann, hat denen noch gefehlt“, berichtet sie auf dem Podium.

Nach dem Praktikum hält der Draht zur Firma

Klar, die sonnigen Altstadt-Cafés und die herzliche Art der Basken haben auch nicht weh getan. Der Lohn: Wenn sie im März ihr Studium (Internationales Management) in Worms aufnimmt, kann sie nebenher weiter freiberuflich für die baskischen Kollegen arbeiten – „das zeigt schon ein großes Vertrauen“, sagt die Erasmus-Fahrerin.

Wie alle Aspiranten des Programms musste Kretek vor dem Trip nach Spanien aber erstmal nach Darmstadt. Die Friedrich-List-Schule bündelt seit Jahren die Anfragen aus ganz Hessen. Rund 30 schickt das Auswahl-Gremium dieses Jahr mit EU-Fördergeld auf den Weg nach Toulouse, Dublin, San Sebastián oder ins britische Totnes. Die Bedingungen? „Gute Noten sind gar nicht so wichtig“, sagt Dieter Gotthardt, der den werdenden Fremdsprachen-Sekretärinnen unter anderem Spanisch und Französisch beibringt und die Erasmus-Praktika koordiniert. „Die Bewerber müssen vor allem offen und kommunikativ sein und sich durchbeißen können.“ Dafür bekämen sie erste Erfahrungen im Beruf und steigerten ihre Marktchancen erheblich.

Das können die Teilnehmerinnen der frühen Jahre nur bestätigen. Katia Girardi aus Bickenbach war 1996 eine der ersten Spanien-Fahrerinnen der List-Schule. „Das war damals noch ein echtes Abenteuer, sich ohne Google Maps und Whatsapp-Gruppe in einer fremden Stadt zurechtzufinden“, erzählt sie den hoffnungsvollen Bewerbern. Es war die Zeit, als die baskische Terror-Organisation ETA noch regelmäßig Bomben in den Großstädten zündete. „Wir wurden geschult, uns bei größeren Menschenaufläufen fernzuhalten und bei Gefahr lieber in die nächste Kneipe abzubiegen.“ Passiert sei ihr nichts. Das Auslandsjahr half ihr allemal, mehr Sicherheit zu gewinnen: „Man kam selbständiger zurück.“ Heute arbeitet sie in einem international tätigen Autozulieferbetrieb in Rüsselsheim.

So attraktiv das Angebot klingt: In den letzten Jahren sank die Zahl der Bewerber von 50 auf rund 30 pro Jahr. „Das war ein echter Schock für unsere Partner“, sagt Koordinator Gotthardt. Das habe aber nichts zu tun mit Brexit, Grexit und den Debatten um den Zerfall der europäischen Idee, sondern schlicht mit dem Geld. Zuletzt gab die EU jedem Teilnehmer bis zu 80 Prozent der Fixkosten dazu – blieb eine Finanzierungslücke von 2000 bis 2500 Euro, je nach Gastland und Lebensstil. Das mochte sich nicht jeder leisten. Doch Besserung ist in Sicht.

Die EU erhöht die Zuschüsse in diesem Jahr

„Ich habe eine gute Nachricht für Sie“, begrüßte Gotthardt die Runde am Mittwoch. „Die EU hat die Mittel für 2017 erheblich aufgestockt.“ Fast in allen Partnerstädten würden die Fixkosten nun voll abgedeckt; bleibt das Taschengeld. 400 000 Euro hat Gotthardt gerade beantragt für die nächsten beiden Jahre. Er wirkt guter Dinge, das Geld für die Berufsanfänger zu bekommen.

Im April müssen sie aber erstmal zum Auswahlverfahren nach Darmstadt kommen. Und im August reist dann die nächste Generation in Richtung Abenteuer.

Direkt nach dem Berufsabschluss gibt es die Möglichkeit, ein vier- bis sechsmonatiges Praktikum im Ausland zu machen. Berufsschüler aus ganz Hessen können sich über die List-Schule für die Betriebspraktika im Rahmen des Erasmus-Plus-Programms der EU bewerben. Das schließt auch Sprachkurse vor Ort mit ein. Infos im Internet: www.erasmusplus-fls-eu.de

 

Bericht von Thomas Wolff

Quelle: Darmstädter Echo  http://www.echo-online.de/lokales/darmstadt/das-abenteuer-managen_17701932.htm